Tina & Franela

Wie man aus einem Esel ein Einhorn macht…

Ein Pferd, das dein Leben verändert – das ist für mich Franela, eine Ortega-Tochter. Ein absolut pathetischer Satz, er könnte aus „Ostwind“ sein. Aber wenn ich mir das so anschaue, dann hat dieses Tier ganz viel Einfluss auf meine Lebensentscheidungen genommen. Und das war so:

2014 wollte ich mir den Traum erfüllen, ein paar Wochen in Spanien zu sein. Als selbstständige Journalistin konnte ich mir diese Freiheit erlauben – also suchte ich mir ein zwei Geschichten, die ich aufschreiben und an Zeitschriften verkaufen konnte. Nachdem ich eine Woche bei einer deutschen Auswanderin in Andalusien verbracht habe, (übrigens eine renommierte Knabstrupperzüchterin) zog es mich weiter nach Segovia auf den Hof von Leonie. Wir hatten im Vorfeld vereinbart, dass ich vier Wochen lang auf dem Gestüt lebe, bei den Pferden mithelfe und mal sehe, welche Artikel ich hinterher über sie und die Pferde deutschen Reitmagazinen anbieten könne. Ich kam im Dunkeln an, war – wie immer – zu spät losgefahren und stand auch noch Ewigkeiten im Stau. Leonie empfing mich herzlich in ihrem Wohnzimmer mit einem kalten Bier. Wir redeten gleich wie alte Schulfreundinnen und natürlich viel über Pferde. Ich erzählte ihr von Quentin, meinem großen, schwarzen Oldenburger-Wallach, den ich mit Sehnenschaden in Rente schicken musste. „Mein nächstes Pferd wird irgendwann eine Stute. Und ein Schimmel – das wollte ich schon immer“, schwärmte ich so herum. „Da hätte ich eine, die zeig ich dir morgen“, sagte Leonie. Darauf erstmal prost und ab ins Bett.

Der nächste Tag: Hinter meinem Wohnwagen war ein kleiner Paddock, dort standen vier junge Stuten. Eine davon war also Franela. In meiner Vorstellung eine stolze, prächtige, weiße Märchengestalt – in der Realität begrüßte mich ein kleiner grauer Esel. Ich gebe es zu, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Aber in den vier Wochen meines Aufenthalts konnte ich das Pferdchen zusammen mit Leonie einreiten und besser kennenlernen und was soll ich sagen, es machte einfach nur Spaß. So ein kluges, kleines Ding. Immer bemüht, ein bisschen schüchtern und einfach nur zuckersüß. Abends, nach getaner Arbeit und der wohlverdienten Dusche, brauchte ich nur um die Ecke gehen. Ein Pfiff und „mein“ Pony kam zu mir. Das war schön. Ich muss immer noch lächeln, wenn ich daran zurückdenke.

Im wahrsten Sinne eine Schnapsidee?

Zum Ende der vier Wochen wurde es immer konkreter: Sollte ich Franela wirklich kaufen? Das war ja nun so gar nicht geplant, schließlich hatte ich noch das Rentner-Pferd bei meinen Eltern und in Geld schwamm ich auch nicht gerade. Dann kam ein Anruf meiner Steuerberaterin: „Frau Rüschhoff, ich habe gute Nachrichten, sie bekommen Geld zurück.“ Dieser Betrag deckte sich genau mit der Summe, die mir für den Kauf fehlte. Zufall? Ich rief meinen Freund an, der damals in Berlin lebte, und fragte ihn nach seiner Meinung. Er verstand nicht, dass sich die Entscheidung für ein Pferd in Hamburg auch auf ihn auswirken würde. Noch nicht. Eine lustige Fiesta auf dem Hof und ein paar Schnäpse später war es dann so weit: Ich sagte zu – wie aufregend!

In Deutschland angekommen

Schlechter Start mit Sturz

Ein paar Wochen später wurde mir Franela nach Hamburg gebracht. Wir suchten uns einen Stall südlich der Elbe, den ich von der Stadt aus gut erreichen konnte. Nach einigen Wochen der Eingewöhnung schwang ich mich zum ersten Mal in den Sattel – Schritt klappte, Trab klappte – angaloppieren mochte sie nicht. Ach komm, das konntest du doch alles schon, war ich der Meinung und forderte es ein. Zack, flog ich durch die Luft und landete äußerst unsanft auf dem Boden. Dieses Ereignis hat mich tief erschüttert, denn ich hatte mich auf ihr immer so sicher gefühlt. Danach war ich absolut verunsichert: ein Pferd ist ein Pferd, oder nicht? Nun wurde mir schmerzlich bewusst, dass so ein Lusitano eben doch anders tickt als ein Oldenburger. Es war richtig schlimm, ich war so traurig und verzweifelt, dass ich sogar ans Verkaufen dachte. Dann trat Sophie in mein Leben. Eine junge, lässige Frau – ohne Angst und absolut unbedarft. Sie wurde meine Reitbeteiligung und ritt schon kürzester Zeit ohne Sattel und nur mit Halfter auf Franela über den Platz, während ich mir vor Anspannung die Augen zuhalten musste. Aber siehe da, das Pony war lieb und hatte wieder Freude. Wir machten gemeinsam weiter, diesmal aber in ihrem Tempo.

Sie wird immer hübscher. Foto: mothography

Pippi-Langstrumpf-Leben mit Businessidee

Sophie und ich freundeten uns an, damit entstand schnell der Wunsch gemeinsam ausreiten zu wollen. Ein zweites Pferd musste her, „zufällig“ hatte unsere Reitlehrerin da eine Idee. Und so komplettierte Perle unser Quartett, eine Lusitano-Knabstrupper-Stute, optisch nahezu identisch mit Franela. Wir pachteten für unsere beide Mädels eine Wiese im Dorf, damit sie nicht getrennt in der Box stehen mussten und wir den Weidegang Lusitano-freundlich managen konnte. Eigentlich nur eine Sommerlösung. Ja, eigentlich. Denn aus einer Wiese wurde eine zweite, eine dritte, eine vierte. Es folgte ein kleiner Reitplatz, ein Offenstall mit Trail und wir kauften weiteren Pferde dazu (zwei sind schließlich keine Herde). Auch der Ort für die Menschen wurde immer schöner – immer öfter verbrachten wir unsere Zeit am Lagerfeuer vor unserem Bauwagen, tranken Bier, schmiedeten Ideen. „Das ist so schön, da müssen wir mehr draus machen“, fanden wir. Und weil wir zum Glück beide eher so Macherinnen als Träumerinnen sind, haben wir rund um Franela und die anderen Pferde ein kleines Startup aus der Taufe gehoben. Zu „Einhorn Coaching“ (www.einhorn-coaching.de) kommen heute Firmen wie Beiersdorf und Bertelsmann, die von uns in Sachen Kommunikation und Zusammenarbeit im Team gecoacht werden. Pferdegestützt natürlich. Franela kann das super, als hätte sie nie etwas anders gemacht. Der fauchende Drache, den sie sonst gerne raushängen lässt, hat dann Pause. Sie ist ganz sanft und lässt sich auf die Menschen ein. Ein echter Coaching-Profi eben.

Natürlich mit Happy End

Ach ja, und der Freund? Stimmt – da war ja noch wer. Als dieser merkte, dass er gegen die Pferde nicht viel ausrichten konnte (einmal Pferdemädchen, immer Pferdemädchen), kündigte er mutig seinen unbefristeten sicheren Job in Berlin und zog mit mir aufs 800-Seelen-Dorf. Nun wohnen wir keine 500 Meter von der Ponywiese entfernt und haben eine kleine Tochter. Ihre Patentante? Natürlich Sophie.

Rückblickend kann ich also sagen, dass Franela meinen Wohnort, meine Beziehung, meine Freundschaften und meinen Beruf beeinflusst hat. Und nicht zuletzt auch mich selbst: Nie habe ich mich so sehr selbst infrage und reflektieren müssen, wie mit ihr. Ich habe gelernt, besser hinzuschauen, einfühlsamer zu sein, die Bedürfnisse meines Gegenübers zu respektieren, mich manchmal zurückzunehmen, nicht zu viel zu wollen, aber auch mutig zu sein. Und ich weiß heute, dass reiten so rein gar nichts mit „jetzt mach mal die Beine zu und setz dich durch“ zu tun hat. Ich schäme mich dafür, dass ich es früher so sah. Aber manchmal brauchen Esel eben ein wenig Hilfe beim Einhorn-werden.

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